Verbände und Politik: Angst vor den gewalttätigen, rassistischen Pyromanen?

Nicht erst seit dem Pokal-Derby gegen den Chemnitzer FC scheint man in der öffentlichen Diskussion − nicht nur in Dresden − alles Böse in den Stadien mit Schlagworten wie «rassistisch», «gewaltbereit», «Ultrà» und selbstverständlich «Pyrotechnik» umschreiben zu können, am besten noch live durch die Mannschaftskapitäne in den Stadien. Sowohl weite Teile der Presselandschaft als auch die üblichen Bundesminister und Verbandsgrößen springen auf den Zug auf: die Gewalt nimmt zu, durch Pyrotechnik gibt es immer mehr Verletzte und diese Ultràs sind (brand)gefährlich.

Fehlendes Wissen bei den «Entscheidungsträgern»

Das Gute an dieser unsäglich kleinkarierten Polemik ist, dass sie eines verdeutlicht: die derzeitigen Wortführer in der Debatte um das Böse im Fußball wissen eigentlich gar nicht, wovon sie genau sprechen. Sie können nicht abschätzen, welche Auswirkungen und Effekte ihr Handeln haben wird, sowohl für den Fußball insgesamt, als auch für Fans, Vereine, Verband und Politik im Einzelnen.
Ein Beispiel: Bundesinnenminister Friedrich äußerte in einem Interview mit dem Tagesspiegel folgenden Satz in Bezug auf die maximale Verlängerung der Stadionverbote auf zehn Jahre:

Wer nicht vorhat, gegen Regeln zu verstoßen, braucht sich auch über eine Straferhöhung nicht aufzuregen.

Hans-Peter Friedrich – der Jurist fordert Stadionverbote und ignoriert dabei die Unschuldsvermutung.

Diese Aussage scheint einstudiert. Auch DFB-Generalsekretär Helmut Sandrock äußerte auf DFB.de auf die Frage nach der Verlängerung der Stadionverbote: «Dieser Punkt betrifft in der Praxis doch nur diejenigen, die sich nicht an die Regeln halten. Wer als friedlicher Fan zum Fußball geht, muss sich über das Strafmaß bei Verstößen doch gar keine Gedanken machen.»
Dies dürfte in den Ohren derer, die schon einmal ein unbegründetes Stadionverbot erhalten haben, wohl wie blanker Hohn klingen. Zwar sind an einigen Orten die Anhörungsmethoden bei drohenden Stadionverboten deutlich fairer geworden, dennoch gibt es weiterhin viele fragwürdige Ausschlüsse von Fans. Gerechtigkeit und das demokratische Selbstverständnis der Unschuldsvermutung gilt für die Stimmungsmacher nicht.

In der Regel ist es so: Die Polizei schlägt vor, der Verein unterschreibt. Dieses anonyme und als unfair empfundene Verfahren widerspricht dem Gerechtigkeitsempfinden der jungen Menschen fundamental, was aus unserer pädagogischen Sicht fatal ist. (Michael Gabriel über Stadionverbote auf sueddeutsche.de)

Auch Lorenz Caffier, seines Zeichens Innenminister von MeckPomm und Vorsitzender der Innenministerkonferenz, verdeutlicht mit seinen Statements, wie fern er eigentlich dem Fußball ist. Er fordert, wie sprachlich schon üblich, die sogenannte «Rote Karte» gegen alle möglichen Gewaltbereiten. Das ist eigentlich genauso wenig überraschend wie die sonstigen, repressiven Forderungen des gebürtigen Dresdners: konsequente Durchsetzung von Stadionverboten, ein Alkoholverbot in Stadien und dem Nahverkehr, personalisierte Tickets und den Ausbau der Videoüberwachung.

Jeder, der auch nur ein Stück weit Ahnung vom Alltag eines Fußballfans hat, weiß natürlich genau, dass diese Dinge seit Jahren schon angewandt werden. Nur der Vorsitzende der Innenministerkonferenz weiß das nicht. Entweder aus purer Naivität, oder es handelt sich dabei um ein Zeichen für die mangelnde Bereitschaft, mit analytischem Blick und Kompetenz durchaus vorhandene Schwierigkeiten zu thematisieren. Diese Grundlage fehlt derzeit den Verbänden sowie den Politikern, die sich in die Diskussion einbringen.

Pyrotechnik-Debatte als Katalysator einer Grundsatzdiskussion – und als Gefahr für DFB und DFL

Die Pyrotechnik-Debatte der letzten Monate diente in diesem Zusammenhang allen Parteien als Initialzündung für eine eigentlich viel weitreichendere Fragestellung: Wer hat die Macht? Wer darf definieren, wie Fans sich verhalten dürfen? Wieviel Selbstbestimmung lässt ein Staat seinen Bürgern, ein Verein seinen Fans? Wieviel Demokratie vertragen deutsche Politiker und Sportverbände?

Auch in Ägypten gehört Pyrotechnik zu einem entscheidenen Bestandteil der Szene. Im Bild die Ultras Ahlawy, welche als «Speerspitze» des «Arabischen Frühlings» gelten.

Das Signal, das seitens der Verbände in dieser Woche kam, war schon einmal deutlich. «Wir reden mit euch nicht mehr über Pyrotechnik!» Verschiedene Fangruppen, Journalisten und sonstige Engagierte deuteten dies vielfach als Zeichen, dass «Engagement von unten» nicht ernst genommen werden würde. Dies ist ein Lesart. Eine andere wäre, dass sowohl Politik, DFB und DFL es sich gar nicht erlauben können, Pyrotechnik zu legalisieren, denn das hieße, dass man dem Pöbel, der sich organisiert, Recht gibt und damit der − beschönigend ausgedrückt − Macht der Straße/Fankurve nach gibt. Ein Machtverlust wäre die Folge − auf Kosten von Verbänden und Politik. Also ist die totalitäre Antwort auf demokratische Veränderungsprozesse, die durch die Fans angestrebt werden, noch mehr Repression und Drohungen. Man hat Angst, man schürt Angst. Ein indirekter Teilerfolg für die Fans?

Wer einmal lügt… – Können junge Menschen der Politik noch Glauben schenken?

Die Folge dieser neuen Welle an Populismus und Repression ist relativ einfach vorauszusehen: Pyrotechnik wird weiterhin gezündet, nur eben nicht mehr als stilistisches, sondern als provokatives Element, es wird weiterhin immer wieder zu Gewalt im Umfeld der Stadien kommen und die Überwachungs- und Bestrafungsmethoden werde in der Folge weiter verschärft. Eine Verringerung dieser Probleme tritt so nicht ein, eher das Gegenteil dürfte der Fall sein. Sind Friedrich, Niersbach und Co. also die tatsächlichen Hooligans in Schlips und Kragen, die eine Eskalation erst heraufbeschwören?

Das Verhalten des DFB-Sportgerichts zeigt die ganze Hilflosigkeit und das Unverständnis, mit dem der Verband den Phänomenen in den deutschen Fußballstadien begegnet. Die sogenannte DFB-Sportgerichtsbarkeit erweist sich – ähnlich wie einschlägige Fifa-Funktionäre in anderen Zusammenhängen – auf der ganzen Linie als komplett beratungsresistent. Wohin uns die hilflose und lächerliche Bestrafungspraxis führt, zeigt die Aktualität: Nämlich zu absolut gar nichts, sofern man sich eine Verbesserung von Verhaltensweisen erhofft. Für mich unverständlich, dass es sich ein Bundesliga-Verein – wie aktuell Fortuna Düsseldorf – bieten lässt, durch einen unglaublichen Eingriff in die eigene Souveränität als Unternehmen derartig bestrafen zu lassen und Tausenden von Dauerkartenbesitzern ihr bezahltes Recht auf einen Spielbesuch unentgeltlich entziehen muss. (Ewald Lienen)

Fakt ist jedenfalls, dass mit falschen Tatsachenbehauptungen (Friedrich: «Weil ich beobachte, dass es eine Eskalation gegeben hat, dass sich die Spirale der Gewalt weiterdreht.») versucht wird, die eigenen fragwürdigen Argumente durchzusetzen. Es gibt statistisch mehr als genügend Belege, dass Ausschreitungen und Gewalt seit Jahren rückläufig sind. Expertenwissen wird seitens der Hardliner sowieso vollkommen ignoriert. Es stellt sich also weiterhin die Frage: wird gezielt so gehandelt oder hat man einfach keine Ahnung?

Gefährliche Verallgemeinerung

Fans schimpfen auf den Verband.

«Das Böse» bleibt dennoch. Fans und Ultràs, die nach außen als Pyromanen verschrien sind, die gewalttätig und rassistisch seien. Die Berichterstattung und die Statements der letzten Wochen lassen nicht nur den Eindruck entstehen, dass man gar nicht mehr bereit ist, zu differenzieren. Vielmehr besteht auch die Gefahr, tatsächliche gesellschaftliche Probleme zu verharmlosen. Wer Rassismus und Pyrotechnik in einen Kontext setzt (oder auch Pyrotechnik und Gewalt), sagt letztlich nichts Anderes, als dass die Verletzung der Würde eines Menschen vergleichbar ist mit einem stilistischen Element einer Subkultur, für das sich junge Menschen einsetzen. Das ist gefährlich. In Dresden gibt es derzeit übrigens 150 stimmungsvolle pyrotechnische Veranstaltungen im Jahr.

Die strikte Ablehnung von Gesprächen zu strittigen Themen durch Verbände und Politik ist ein höchst undemokratischer Akt, der den Aktiven in den Kurven suggeriert, dass sie keine Rolle in der Mitgestaltung ihrer eigenen Lebenswelt spielen dürfen. Sie dürfen nicht einmal konstruktive Vorschläge anbringen. Ein Konsens, demokratische Streitkultur und Respekt vor anderen Vorstellungen ist damit von vornherein ausgeschlossen, sogar von denen, die den demokratischen Staat repräsentieren. Doch wer kein Gehör findet, der redet künftig auch nicht mehr, sondern handelt einfach. Oder er brüllt.

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